Von Winterdepressionen und der tödlichen Männergrippe

February 24, 2018

Manche mögen dem Winter viel abgewinnen, mögen die langen Nächte, die kurzen Tage, die Kälte. Doch die Mehrheit sehnt sich in der dunklen Jahreszeit nach dem Sommer, nach flauen Abenden, schönen Sonnenuntergängen und Wärme auf der Haut. Ich gehöre eindeutig zum Kreis derer, die wärmeliebend sind und Licht mögen. Jahrelang litt ich unter der grauen Nebeldecke, die sich hierzulande nur auflockert, wenn es regnet oder schneit. Winterdepressionen gehörten für mich zum alljährlichen, unumgänglichen Ritual, besonders gegen Schluss des Winters, Ende Februar, anfangs März. Das Spriessen der ersten Frühblüher und die allmählich wieder länger werdenden Tage halfen da nicht. Im Gegenteil. Der Effekt war etwa so, wie wenn man mit grossem Hunger Bilder schmackhafter Mahlzeiten auf einer Menükarte anschaut und kein Geld in der Tasche hat, um auch tatsächlich etwas davon kaufen zu können. Es machte alles nur schlimmer. Doch irgendwann änderte sich das. Entscheidend war wohl der Umstand, dass ich im Winter vermehrt Fahrrad gefahren bin. Das wirkte besser als jede Antidepressiva, nachhaltiger als jeder Kurzurlaub in wärmeren Gefilden oder einige Tage in den sonnigen Bergen weit über der Nebeldecke. Winterdepressionen sind mir unbekannt, seit ich auch im Winter das Rad hervorhole und meine Runden trotz aller Widerwärtigkeiten drehe. Und nun, da ich Radkurier bin und folglich noch mehr auf dem Fahrrad unterwegs bin, habe ich schon fast vergessen, wie sich die Winterdepression anfühlt, nicht mal die Kälte macht mir noch viel aus, auch wenn ich mich natürlich noch immer auf Frühling, Sommer und Herbst freue.

Das Radfahren im Winter hat bei mir weitere positive Auswirkungen. Denn nebst den Winterdepressionen litt ich auch unter wiederkehrenden Erkältungen und der alljährliche Grippe, die bei Befall selbst für die gesündesten Männer tödlich sein kann, jedenfalls möge Mann sein Umfeld davon überzeugen wollen, dass Mann kurz vor dem Kollabieren steht, beziehungsweise liegt. Die Grippe nahm ich schicksalhaft entgegen, als wäre sie das Normalste der Welt, unumgänglich, unausweichlich, Teil der DNS. Hätte ich bloss gewusst, dass das Radfahren die beste Impfung überhaupt gegen Erkältung und Grippe ist, hätte ich schon viel früher damit begonnen. Leider bevorzugte ich viel zu lang einen Lebensstil, der Bürostuhl, Auto, Fernseher und Sofa in den Mittelpunkt stellte. Doch mit dem Mangel an Bewegung und Frischluft zahlte ich einen hohen Tribut. Zum Glück gehört das schon lange der Vergangenheit an. Bilanz der letzten zwölf Jahre: Null Erkältungen, einmal eine kurze Grippe. Das Radfahren bewirkt medizinische Wunder.

Es gibt zahlreiche Studien, welche den positiven Effekt von Radfahren in der dunklen Jahreszeit auf Winterdepressionen, Erkältungen und Grippe belegen. Die Studien sind gut und recht, doch letztlich nur graue, abstrakte Theorie in den Vorstellungen derer, die das Radfahren nur als sommerliche Unterhaltung betrachten. Das ist keine Kritik, denn mir ging es früher ja auch so. Dennoch, wie oft habe ich gehört, dass man im Winter nicht Radfahren könne, wie gefährlich es bei Dunkelheit, Sturm und Eis sei? Wer sich nicht überwinden mag, ist auch gegen Studien immun. Mir persönlich kann es egal sein, ich bin deswegen praktisch immun gegen allerlei Beschwerden. Und natürlich gibt es keine Garantie, dass mich die tödliche Männergrippe nicht doch wieder packt. Bloss die Wahrscheinlichkeit ist ungleich kleiner. Es ist schade, dass nicht mehr Leute im Winter Radfahren. Das wäre nicht nur für ihr persönliches Wohlbefinden förderlich, sondern auch positiv für die stets steigenden Gesundheitskosten und für die Produktivität bei der Arbeit. Arbeitnehmer, die im Winter mit dem Rad zur Arbeit kommen, sind grundsätzlich motivierter und eben weniger krank. Und wenn die Arbeit das Radfahren selbst ist, sowieso.

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