Wo haben Sie Ihre Werkstatt?

January 13, 2018

Wer regelmässig durch grosse Bahnhöfe in Berlin, München oder Zürich geht, erhält immer wieder Werbegeschenke in die Hand gedrückt. Nicht so in Konstanz. Unsere Stadt ist für solche Werbemassnahmen weniger interessant, weil nicht so gross, an der Peripherie gelegen und aus der Sicht von grossen Unternehmern wohl einfach zu provinziell. Das muss uns nicht weiter stören. Vielfach sind die Geschenke, die in grossen Mengen und wahllos verteilt werden, bloss Muster, die uns zu einem Kauf verführen sollen und nicht unbedingt etwas von grossem Nutzen. Die Masche ist durchschaubar und hat deshalb einen etwas bitteren Beigeschmack. Dazu fördert es unsere Wegwerfgesellschaft, was nicht unbedingt zu unserer Wertvorstellung passt. Dennoch haben wir dieses Mittel gewählt, um auf unsere Dienstleistung aufmerksam zu machen. Allerdings mit einem sinnvollen Geschenk, wenigstens für diejenigen, die auch im Dunkeln Radfahren – und indirekt für alle, die sich darüber ärgern, dass so manche ziemlich schlecht beleuchtet unterwegs sind. Wir haben in den letzten Wochen hunderte Päckchen von Speicherreflektoren an Radfahrerinnen und Radfahrer verteilt. Wie es auf der Verpackung steht „ein leuchtendes Beispiel für mehr Sicherheit im Strassenverkehr“. Um billigen Ramsch handelt es sich dabei keineswegs. Im Handel kostet ein solches Päckchen um die 10 Euro. Weil sich die Konstanzerinnen und Konstanzer solche Werbegeschenke wie eingangs erwähnt nicht gewohnt sind, war unsere Werbeaktion entsprechend sehr geschätzt und wir erhielten viele lobende Worte und freudige Lächeln.

Natürlich haben wir das nicht ganz uneigennützig gemacht. Schliesslich sind wir kein Sozialwerk und sind darauf angewiesen, Geld zu verdienen, wollen wir unsere Firma in Konstanz etablieren. So gab es noch dazu einen Gutschein im Wert von fünf Euro, damit man unseren Dienst mal ausprobieren kann. Und natürlich hoffen wir, wie bei einer Werbeaktion üblich, dass manche potenzielle Kunden anbeissen und irgendwann zu Stammkunden werden. Doch darüber hinaus erhielten wir einen unbezahlbaren Mehrwert in Form von netten Gesprächen und einen Eindruck darüber, wie die Konstanzerinnen und Konstanzer zu unserer Dienstleistung stehen. Als erstes gilt festzuhalten, dass wir praktisch keine negativen Reaktionen erhalten haben. Das ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit, weil sich die Beschenkten dazu verpflichtet fühlten. Viele der positiven Voten kamen direkt aus dem Herzen, was man leicht im Gesicht erkennen konnte. Es gibt in unserer Stadt nämlich einige Menschen, die vom vielen Verkehr – und insbesondere des überbordenden Lieferverkehrs – gelinde gesagt die Schnauze voll haben und gerade deswegen einen Radkurier begrüssen, welcher dazu beiträgt, die Verkehrssituation erträglicher zu machen, indem er den einen oder anderen Lieferwagen in der Stadt ersetzen kann. Mannigfach wurde uns dabei viel Erfolg für unser Unternehmen gewünscht. Diese Reaktionen hatten wir uns erhofft und haben uns ehrlich gesagt auch nicht weiter erstaunt, was unsere Wertschätzung darüber allerdings kaum mindert.

Dennoch haben nicht alle so wohlwollend reagiert. Nicht, weil sie einen Radkurier etwas Schlechtes oder als unnötig empfinden, sondern weil sie sich schlicht und einfach nichts darunter vorstellen konnten. Allzu häufig erhielten wir gleich zu Beginn des Gesprächs nämlich auf den ersten Blick nicht ganz nachvollziehbare Gegenfragen, zum Beispiel wo man das Rad mieten könne. Nun, man kann unsere durchaus Räder mieten, doch nicht ohne die Person, welche das Gefährt lenkt. Wer ein Lastenrad für sich selbst mieten möchte, ist mit den TINK-Rädern bereits bedient. Noch häufiger wurden wir gefragt, wo denn unsere Werkstatt sei. Anscheinend hielten uns manche für Fahrradhändler, welche einen Reparaturservice anbieten wollten. Nun, wer ein reparaturbedürftiges Rad hat, kann uns schon anrufen. Wir bringen das Rad dann allerdings zu einer der bestehenden Werkstätte. Man hätte aber darüber den Kopf schütteln können, dass man einen Radkurier mit einem Fahrradhändler verwechselt. Doch für uns waren gerade diese Fragen von hohem Wert, wissen wir jetzt doch, dass wir viel Aufklärungsarbeit leisten müssen, damit der Zweck unseres Unternehmens verstanden wird. Und dass ein Radkurier in Konstanz für manche so unbekannt erscheint, wie Werbeartikel umsonst auf der Strasse zu erhalten. Erstes wollen wir auf jeden Fall ändern, beim zweiten sind wir aber letztlich ganz froh darüber – sonst wären wir eindeutig in der falschen Stadt zu Hause. 

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