Mein Lieblingsplatz

December 17, 2017

Gewiss, in Konstanz gibt es ein paar ganz schöne Ecken. Wahrscheinlich hat jede und jeder so seinen Lieblingsplatz in der Stadt, sei es bei der Imperia, am Schänzle oder hoch oben beim Bismarckturm, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Persönlich mag ich auch den Seeburgpark in Kreuzlingen sehr, aber mein bevorzugter Ort, um zu verweilen und die Atmosphäre der Stadt zu geniessen, ist dort, wo die Fahrradbrücke an den Webersteig grenzt. Jedes Mal, wenn ich dort vorbei komme und die Zeit  es erlaubt, setze ich mich an der Mauer ab, manchmal nur wenige Minuten, manchmal etwas länger. Es ist für mich ein magischer Ort, ein Ort, wo ich Inspiration finde, die Gedanken schweifen lasse und die Seele beruhige. Je nach Laune das eine oder andere und zeitweise alles gleichzeitig.

Gleichzeitigkeit ist etwas, was diesen Platz prägt, da es zur selben Zeit oft viel zu sehen gibt. In der sommerlichen Abenddämmerung geht die Sonne hinter dem Bodensee Forum unter und lässt den Himmel goldig leuchten, je nach Bewölkung auch orange, rot und magenta. Die modernen Bauten am rechten Seerhein erzeugen einen Hauch von Grossstadtfeeling, während hinter mir der Verkehr an der geschäftigen Rheinbrücke rollt, welche die Pforte zur Weite des Sees und einen Kontrast zu den Bergen im Hintergrund bildet. Ich befinde mich mitten in der Stadt, mitten in der Urbanität, doch die Geräuschkulisse ist nicht wie erwartet lärmig, sondern gedämpft, subtil und zeitweise gar intim. Schliesst man die Augen, ist nur zwischendurch der kernige Sound entfernter beschleunigender Motoren wahrzunehmen. Dominieren tut das Klimpern von nicht ganz festgeschraubten Fahrradteilen, das rhythmische Klicken abgenutzter Pedalen, das Gezwitscher schlecht geölter Fahrradketten. Jedes Fahrrad produziert sein ihm einzigartiges Klangspiel. Oft gibt es gleich ein Konzert mehrerer Instrumente, die gemeinsam einen Teppich an Geräuschen von sich geben. Öffnet man die Augen, schiesst ein ständiger Strom an Radlerinnen und Radler vorbei, unaufhörlich und dennoch immer wieder von neuem. Denn manchmal gibt es Lücken im Strom, wenn es am Ebertsplatz zuvor eine längere Rotphase an der Ampel gab oder Autos die Radfahrenden an der Gartenstrasse blockierten.

 

Das einzigartige Klangspiel kannst Du hier hören...

Als Fahrradliebhaber mag ich es, die verschiedenen Modelle beim Vorbeiflitzen anzusehen, manche alt und klassisch, manche schnittig, da ein Singlespeed, hier ein Liegerad, seltener ein Tandem, häufig auch E-Bikes und natürlich immer wieder ein TINK-Rad, welches Kinder oder das Umzugsgut eines Studenten transportiert. Da auf jedem Fahrrad ein Mensch sitzt, ist es einer der besten Orte, um solche zu beobachten. People Watching auf Neudeutsch. Ähnlich wie Bird Watching. Das kann man übrigens hier auch tun und ist besonders im Frühling und Sommer unterhaltsam, wenn die Schwäne, Enten und Blässhühner ihre Jungen am Ufer ausbrüten und aufziehen. People Watching ist aber nicht minder interessant und kann das ganze Jahr über betrieben werden. Zudem sind die Menschen noch vielfältiger als ihre fahrbaren Untersätze. Besonders Freude habe ich an den Radfahrerinnen und Radfahrer, die in stylischen Klamotten unterwegs sind und somit Cycle Chic betreiben, aber wahrscheinlich ohne genau zu wissen, was das ist. Hier kommt die spezielle Radkultur in Konstanz voll zum Ausdruck, welche ein ganz bestimmtes Feeling hervorruft. Vergleichsweise Ecken findet man sonst eigentlich nur im hohen Norden, in Münster vielleicht, aber ganz besonders in Kopenhagen und Amsterdam. Konstanz ein kleines Amsterdam? Man könnte sich mit den vielen Radfahrinnen und Radfahrer und den Booten und Schiffen, die vorbei schippern, dort durchaus wähnen.

 

Wenn ich hier so sitze, kommen auch viele Leute zu Fuss vorbei. Es ist ein wirklich belebter Ort, ein Ort für zufällige und vereinbarte Begegnungen, ein Ort wo gelacht und geweint wird und manchmal auch geflucht, wenn sich Fussgänger und Radfahrende in die Haare geraten oder die Funktionsweise des Kreisverkehrs nicht begreifen. Wo aber trotz viel Betriebsamkeit eine entspannte Atmosphäre herrscht. Ich bin froh, diesen Ort in der Stadt entdeckt zu haben – und dass er beinahe mir gehört. Denn mein Plätzchen scheint bei anderen nicht ganz so beliebt zu sein. Weshalb weiss ich zwar nicht, vielleicht liegt es daran, dass es eher schattig ist, aber ich bin froh darüber, dass das kleine Stück Mauer, auf dem ich mich so gerne hin setze, sonst fast nie von jemand anderem beansprucht wird. Ich hoffe, dass bleibt trotz meines Loblieds noch lange so.

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Empfohlene Einträge

I'm busy working on my blog posts. Watch this space!

Please reload

Aktuelle Einträge

March 18, 2018

December 17, 2017

Please reload

Archiv
Please reload

Schlagwörter